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Als Cembalist (Organist / Pianist) auf Tournee mit dem Collegium musicum Krefeld

Charlotte, im Oktober 1992

Vor unserer Amerika-Tournee hatten wir nur ziemlich diffuse und klischeehafte Vorstellungen vom dortigen kulturellen Leben. Es wurde sogar gewitzelt: Ob die wohl wissen, was ein Cembalo ist! An ein Mitnehmen des Instruments war bei den astronomischen Transportkosten nicht zu denken, aber immerhin wurde uns bei den Recherchen im Vorfeld signalisiert, daß uns privat ein Cembalo zur Verfügung gestellt würde — ob sich darauf auch ein großes Überleitungssolo in Bachs drittem Brandenburgischen Konzert spielen lassen würde, stand in den Sternen!

Bei der Ankunft in Charlotte schienen sich unsere Vorurteile voll zu bestätigen. Die Insassen unseres USAir-Jets wurden in eine Halle mit etlichen Schaltern geleitet. US-Amerikaner konnten dort zügig passieren. Alle Ausländer wurden einzeln mit etwa zehn Metern Abstand zur Warteschlange zum Officer der Einwanderungsbehörde zitiert. Ich war an meinem Schalter das erste CMK-Mitglied und wurde in allen Einzelheiten nach dem Woher und Wohin, zur Unterkunft und Aufenthaltsdauer und schließlich nach dem Zweck des Besuchs befragt. Meine Auskunft, ich sei mit den hinten wartenden Mitgliedern eines deutschen Orchesters hier, um zwei Konzerte in Charlotte zu geben, reichte ihm noch nicht; er wollte genau wissen, welche Art von Musik und welche Komponisten wir spielten und schließlich: “What are you doing in that orchestra?” “I’m playing the harpsichord.” “What’s that?” Und wieder mußte ich ihm ohne Rücksicht auf die sich stauende Warteschlange in aller Ausführlichkeit mit immer neuen Zwischenfragen erläutern, worum es sich bei einem “harpsichord” handelt und was ein Cembalo von einem Klavier unterscheidet. Aber endlich war er doch zufriedengestellt und ließ mich wei-tergehen! Offensichtlich hatte ich ihn überzeugen können, daß er in mir keinen Terroristen zu vermuten brauchte!

Durch den Unterkunftsplan wußten wir, daß Karen und John Jacob unsere Gastgeber waren. Sie standen bereits an der Sperre und nicht weit von ihnen, ohne voneinander zu wissen, mein Bruder mit seiner Frau, die eigens zu unserer Begrüßung von Toronto angereist waren. Nachdem wir uns alle einander vorgestellt hatten, erkundigte sich mein Bruder nach einem geeigneten Hotel, worauf von den beiden Jacobs die spontane Entgegnung kam, bei ihnen sei nicht nur Platz für mich und meine Frau, sondern auch für zwei weitere Besucher! Amerikanische Gastfreundschaft par excellence!! Im Haus der Jacobs erwartete uns im übrigen eine Überraschung, die unsere Vorurteile gründlichst ad absurdum führen sollte: Karen war die bislang Unbekannte, deren Cembalo uns für die Konzerte angekündigt worden war. Aber das war nicht alles — zwei weitere Cembali standen zur Auswahl bereit, und beim Rundgang durch das Haus tauchten vom Souterrain bis zur ersten Etage in fast allen Zimmern die unterschiedlichsten Instrumente auf: Zupf-, Streich-, Holz- und Blechblasinstrumente, ein Klavier, ein Akkordeon; dazu eine Musikbibliothek mit Noten, Lehrwerken und mit musikwissenschaftlicher Literatur aus allen Bereichen, besonders aber über alte Musik. Von wegen: „Ob die wohl wissen, was ein Cembalo ist!“ Des Rätsels Lösung: Bei Karen handelte es sich um eine professionelle Cembalistin und Organistin, die schon 1977 ein eigenes Kammerensemble gegründet hatte, das „Carolina Pro Musica“. Sie ist eifrig bemüht um historisch authentische Aufführungspraxis. Dafür nutzt sie ihre Europaaufenthalte, um in Archiven und Bibliotheken zu forschen und neue Anregungen in alten Ausführungsanweisungen oder Urtexten und Manuskripten von Kompositionen zu finden. Sie ist Gründungsmitglied der MTOS (Metrolina Theatre Organ Society), und in der 1980 gegründeten SEKHS (Southeastern Historical Keyboard Society) ist sie Herausgeberin der Mitgliederzeitschrift “The Early Keyboard Journal”.

Unser zweites Konzert fand im Belmont Abbey in Charlotte statt. Karen chauffierte uns samt Cembalo höchstpersönlich dorthin. Bis zur Pause verlief alles problemlos; ich hatte nur Continuo-Partien zu spielen. Der zweite Teil sollte mit Bachs drittem Brandenburgischen Konzert beginnen. Herr Brinkmann hatte mich gebeten, statt der wenigen überleitenden Akkorde zwischen den beiden schnellen Sätzen eine ausgedehnte Improvisation quasi als langsamen Satz einzufügen. Deshalb wollte ich die Pause nutzen, um das Cembalo nachzustimmen. Karen kam zu mir und meinte, ich solle mich lieber etwas ausruhen; sie würde das für mich erledigen. Die Pause ging zu Ende. Die ersten Töne des Brandenburgischen füllten das Kirchenschiff, und — ich zuckte gleich im ersten Takt entsetzt zurück, weil ein scheußlicher Mißklang mein Ohr traf. Was war geschehen? Karen hatte im Eifer des Gefechts das kleine h im 8’-Register des Haupt-manuals irrtümlich auf b gestimmt, und das bei einem Werk in G-Dur, wo das kleine h zwangs-läufig durch besonders häufiges Vorkommen glänzt! Ich dachte mit Schrecken an die Piano-stellen und vor allem an das Solo. Ein Ausweichen auf das obere Manual war nicht möglich; es war zu leise. Also blieb nur eins: mit höchster Konzentration darauf zu achten, daß das h konsequent vermieden wurde! Ich schaffte es wahrhaftig und konnte mich nach dem Konzert anhand von Johns Mitschnitt überzeugen, daß weder beim Solo noch bei den Pianostellen der Übeltäter irrtümlich angeschlagen worden war! Das Mißgeschick am Anfang hatte außer mir selbst niemand gehört, weil das Orchesterforte es für die Zuhörer überdeckt hatte.


Rom, im November 1995

Von unseren drei Auftritten in Rom war nur für den ersten in der Kirche San Ignazio ein Conti-nuo vonnöten, und zwar für zwei Kirchensonaten von Mozart. Nachdem uns der Bus vereinbarungsgemäß kurz von 18 Uhr in der Nähe eines Seiteneingangs abgesetzt hatte, damit wir uns in Ruhe einspielen und vorbereiten konnten, kam es zur ersten Panne: die Organisatoren hatten bei der Terminierung übersehen, daß genau zu diesem Zeitpunkt eine Messe begann. Also warteten wir etwa eine Stunde lang auf das „Ite missa est“, um die verbliebene kurze Zeit bis zum Einlaß der ersten Konzertbesucher für die notwendigen Vorbereitungen zu nutzen. Der Organist half mir noch, den mobilen Spieltisch der Orgel etwas näher ans Orchester heranzuschieben, als auch schon die ersten ungeduldigen Rufe nach einem a1 zum Stimmen ertönten. Ich ließ es erklingen, und ein entsetzter Oboistenaufschrei durchhallte das Kirchenschiff: „Das ist ja viel zu tief!“ Die Überprüfung mit einem Stimmgerät ergab, daß die Orgel wahrhaftig fast einen halben Ton tiefer gestimmt war als der Kammerton a, der mit seinen 440 Hertz ohnehin von den Oboisten als unterste Grenze des Machbaren betrachtet wird! Hier gab es keine Alternative; der Spieltisch wurde an seinen angestammten Platz zurückgeschoben, und Mozarts Kirchensonaten mußten ohne Orgelcontinuo vorgetragen werden.

Daß ich ich trotzdem unsere Tournee nicht als arbeitsloses Orchestermitglied beenden mußte, verdanke ich Christel Baum, der Altistin im Solistenensemble der Mozart-Requiem-Aufführung in San Giovanni di Laterano. Sie war mit Pater Dr. Arno Meyer OSA, dem damaligen Leiter des Collegio Santa Monica, befreundet, der sie fragte, ob sie nicht Lust habe, in Sant’ Anna, der Pfarrkirche des Vatikans, am Samstagabend in der Vorabendmesse zu singen. Nachdem sie sich meiner Begleitung vergewissert hatte, sagte sie zu, und am Samstagmorgen begaben wir uns dorthin, um auszuprobieren, was musikalisch machbar sei. Beim Betreten der Kirche wurde der Blick sofort von einem harmonisch in das Gesamtkonzept integrierten Orgelprospekt gefangen. Erwartungsvoll begaben wir uns auf die Suche nach einem dazugehörigen Spieltisch — vergebens! In der Nähe des Eingangs entdeckten wir jedoch ein Harmonium. Ob dies das Begleitinstrument für den Gemeindegesang sein sollte? Ich schob den Tastaturschutz zurück: nur zwei geteilte Register standen zur Auswahl, und beide fürchterlich schrill und quäkend. Ein zartes Begleitregister für Sologesang gab es nicht! In einem Nebenraum fanden wir jemanden, der uns auf unsere Frage „Dove è il organo?“ auf eine Empore verwies, die wir von einem schmalen Flur her erreichten. Aber die aufkeimende Hoffnung wurde schnell wieder enttäuscht, denn es handelte sich um ein elektronisches Instrument, das bestens mit allen möglichen Schlagzeugeffekten und Tanzrhythmen und darauf ausgerichteten Klangfarben wie Jazz Guitar, Saxophone u. ä. ausgestattet war, ansonsten aber nicht viel zu bieten hatte. Immerhin gab es zwei oder drei Einstellungen, die einigermaßen neutral klangen, und nach einigem Probieren fanden wir eine Mischung, die sich als Begleitung für Mozarts „Agnus Dei“ aus der „Krönungsmesse“, für sein „Ave verum“ und für César Francks „Panis angelicus“ eignete, die wir in der Abendmesse der Gemeinde vortrugen. Die Begleitung des Gemeindegesangs erforderte beson-dere Zurückhaltung von mir; denn statt des gewohnten frischen und zügigen Singens neigte man hier zu sehr verhaltenem, um nicht zu sagen monoton-langsamem Singen, was durch keinen Impuls meinerseits, etwas mehr Bewegung vorzugeben, zu verändern war. Aber die Solodarbie-tungen waren dem Applaus nach gut aufgenommen worden, und der Pfarrer lud uns ein, in die „heiligen vatikanischen Innereien“ mitzukommen, um seine Bedankung bei einem Glas Grappa entgegenzunehmen. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir einiges, was uns bis dahin unbekannt gewesen war, z. B. daß der Papst zwar das Oberhaupt der gesamten katholischen Christenheit ist, nicht aber der Pfarrherr des Vatikans. Als solcher fungiert unser Gastgeber, Pater Gioele Schiavella OSA. Und die Pfarrkirche ist nicht etwa der Petersdom, die größte Kirche der Christenheit, sondern die im Vergleich dazu unscheinbar kleine und bescheidene Sant’ Anna. Als Anerkennung für unsere musikalische Darbietung erhielten wir einen Rosenkranz — vom Papst höchstpersönlich gesegnet!

Als meine Frau sich interessiert nach den Früchten erkundigte, die in einer Schale auf dem Tisch standen, erläuterte Pater Gioele, daß es Granatäpfel aus den vatikanischen Gärten seien und gab ihr spontan einen als Geschenk mit dem Hinweis, daß er sie auf jeden Fall einige Wochen erfreuen werde. Entweder würde er dann weich und zu faulen beginnen oder aber von innen austrocknen und dauerhaft aushärten. Nun, letzteres ist eingetroffen, und noch immer erfreut uns sein Anblick, weil dabei die alten Erinnerungen geweckt werden. Im Verlauf der Unterhaltung, die dank der regen Übersetzertätigkeit von Pater Arno ohne Verständnisschwierigkeiten vonstatten ging, zeigten wir auch unsere Verwunderung über das Fehlen einer vernünftigen Orgel und hetzten etwas, ob sich der Vatikan keine leisten könne. Dieser Impuls blieb nicht ohne Wirkung; denn einige Jahre später erfuhr Frau Baum von Pater Arno, daß nun auch in Sant’ Anna eine kleine (gebrauchte) Pfeifenorgel stünde.


Bezau (Vorarlberg / Österreich), im Oktober 2003

Holger Siedler, Streicher bei den ersten Geigen, der als begeisterter Paragleiter Bezau schon fast zur zweiten Heimat erkoren hat, konnte dem Collegium musicum durch seine dortigen Kontakte ein Konzert vermitteln, für das außer den Orchesterdarbietungen zwei Soloeinlagen vorgesehen waren; eine sollte von Jörg Brinkmann auf dem Violoncello, die andere von Heinz Nachbaur, einem Freund Siedlers, auf der Gitarre bestritten werden. Eine gute Woche vor unserer Abreise (meine Frau und ich hatte uns entschlossen, diese Kurztournee durch Vor- und Nachverlängerung zu einem Urlaub auszuweiten) rief Siedler an, ob ich ihm aus der Patsche helfen könne. Sein Freund sei mit dem Fahrrad gestürzt und habe sich die Hand verstaucht. Wenn ich statt seiner Gitarreneinlage etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten mit Klavierstücken überbrückte, sei alles gerettet. Ein Flügel stünde in dem Konzertsaal zur Verfügung. Allerdings müsse ich mich bis zum Abend entscheiden und auch mein Programm zusammengestellt haben, weil er noch in der Nacht die Plakatvorlage und das Gesamtprogramm erstellen wolle. Der Grund für die Eile war, daß seine Frau am folgenden Tag nach Bezau fuhr und daß die dortigen Organisatoren die Materialien für die Druckerei benötigten. Also suchte ich ein paar publikumswirksame Ohrwür-mer von Schumann, Chopin und Beethoven heraus und schickte sie ihm rechtzeitig hinüber.

In Bezau setzte ich mich bei der nächstbesten Gelegenheit mit den Organisatoren in Verbindung und erfuhr, daß ich mich von Montag bis Mittwoch mit dem Flügel vertraut machen könne, daß jedoch ab Donnerstag das Haus bis kurz vor unserem Konzert belegt sei. Ich mußte mir also von der Einspielprobe des Orchesters ein paar Minuten „erkämpfen“, um nicht mit völlig einge-rosteten Fingern meinen Beitrag zu absolvieren. Aber trotz der Hürden verlief alles bestens und zu unserer und der Zuhörer Zufriedenheit!

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